Soziales Elend in Thunfisch-Dosen

In so mancher Dose Thunfisch steckt viel Leid und soziales Elend. Die finnische NGO-Plattform Finnwatch zeigt in einem aktuellen Report die sozialen und ökologischen Missstände bei der Herstellung von Thunfisch auf. Doch warum sind Zwangsarbeit und Menschenhandel in der Thunfischindustrie an der Tagesordnung? Was kann der Konsument zu einer positiven Veränderung beitragen? Und welche Auswirkungen hätte es, wenn der Thunfisch aus unseren Meeren verschwindet?

Der publizierte Bericht ist Teil des europaweiten „Supply Chainge Projekts“ der österreichischen NGO Südwind und der Umweltschutzorganisation Global 2000 und deckt Schockierendes auf: Thunfischdosen, die in Österreich in den Supermarktregalen stehen, werden in thailändischen Fabriken unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen verpackt.

Geschäft mit Zwangsarbeit und Menschenhandel

„Diskriminierung und extrem niedrige Löhne sind dort Alltag“, sagt Stefan Grasgruber-Kerl, Projektleiter von „Supply Chainge“ bei Südwind. Viele der Arbeiter, die in diesen Fabriken den Thunfisch verpacken, sind aus Myanmar eingewandert. Die Armut und Notlage der Menschen nutzen die Fabrikbesitzer beinhart aus. „Um überhaupt in der Fabrik arbeiten zu dürfen, müssen die Arbeiter eine Summe in der Höhe von ein bis zwei Monatsgehältern zahlen“, berichtet der Experte. Diese „Rekrutierungsgebühren“ machen laut Bericht hunderte von Euros aus. Die Anliegen der Wanderarbeiter würden kaum gehört, Beschwerdemechanismen und sogenannte Arbeitskomitees seien wirkungslos. Die Arbeitnehmerschaft könne mit den Vorgesetzten nicht über ihre Arbeitsbedingungen verhandeln, so Grasgruber-Kerl.

Untersucht wurden die thailändischen Fabriken „Thai Union Manufacturing“ und „Unicord“, sie sind Teil der Thai Union Group und der Sea Value Group. Diese Konzerne lassen Eigenmarkenprodukte für Supermärkte in Belgien, Großbritannien, Litauen, Estland, Lettland, Finnland und Slowenien produzieren. Auch drei Thunfisch-Produkte der Marke „Vier Diamanten“, die in Österreich in Supermärkten erhältlich sind, konnten zu diesen Fabriken zurückverfolgt worden. „Vier Diamanten“ habe allerdings angegeben, dass es in Österreich noch andere Hersteller gibt, die unter solchen Arbeitsbedingungen produzieren lassen. „Die untersuchten thailändischen Fabriken und ‚Vier Diamanten‘ sind nur ein Beispiel für viele“, teilt der Südwind-Experte mit. Er fordert, dass Supermärkte mit Eigenmarken mehr Verantwortung übernehmen und durch unabhängige Stellen überprüfen lassen, unter welchen Bedingungen ihre Produkte hergestellt werden.

Gelbe Karte für Thailand

Dabei sind die Arbeitsbedingungen in den Fabriken nur eine Seite der Medaille. Auf den Schiffen der Hochseefischer sind die Arbeitsbedingungen noch wesentlich schlimmer: „Es gibt nach wie vor Zwangsarbeit und Menschenhandel“, teilt der Experte mit. Die Arbeiter seien praktisch auf den Schiffen gefangen. Solange sie auf hoher See unterwegs seien, könnten die Arbeiter nicht fliehen.

Die EU habe bereits einen Schritt gesetzt, um illegales und unreguliertes Fischen in Thailand zu verbieten, so der Südwind-Sprecher. Sie hat Thailand im April 2015 mit einer sogenannten gelben Karte (yellow card) offiziell verwarnt. Die Kontrollen der thailändischen Behörden sind lückenhaft oder kaum vorhanden, wie die Europäische Kommission in einer Aussendung mitteilt. Ändert sich in den nächsten Monaten nichts, will die EU ein Einfuhrverbot für thailändische Fischerzeugnisse verhängen.

Was Konsumenten tun können

Und was kann der Konsument letztendlich dazu beitragen, um illegalen Fischfang und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen nicht zu unterstützen? „Es gibt Listen von jenen Fabriken, die betroffen sind – die Lösung ist aber nicht Boykott, sondern an die Unternehmen schreiben und faire Bedingungen einfordern“, sagt Grasgruber-Kerl. Über den Fabrik-Code können sich Konsumenten jedenfalls genauer informieren (Link zu EU-Register der Fischfabriken; unter „Fishery products“). Weiters gilt es die Frage nach der Nachhaltigkeit des Produktes zu klären: „Es bleibt den Herstellern überlassen, ob sie die Thunfischart oder die Herkunft des Thunfisches auf ihren Produkten kennzeichnen“, sagt Martin Wildenberg, Nachhaltigkeitsexperte bei Global 2000. Eine Kennzeichnungspflicht gebe es nicht. Die im Bericht erwähnte Marke „Vier Diamanten“ beziehe einen Teil ihrer Ware zwar aus Betrieben, die für die Arbeitsbedingungen hart zu kritisieren seien, allerdings seien Thunfischart und Herkunft nicht zu beanstanden: Die „Vier Diamanten“-Thunfischdosen enthalten laut Global 2000 die weniger belastete Thunfischart Skipjack, gefangen wird dort, wo die Bestände noch nicht so überfischt sind und auch die Fangmethoden sind in Ordnung. Für den Konsumenten seien Fangart, Herkunft und Fischart zwar nicht immer nachvollziehbar, jedoch würden Hersteller, die auf eine nachhaltige Produktion Wert legen, das aus eigenem Interesse auf ihren Verpackungen kennzeichnen, teilt Wildenberg mit.

Vor allem größere Thunfischarten, wie der Blauflossen-Thunfisch, sind durch Überfischung vom Aussterben bedroht. Leider landen diese selten gewordenen Thunfischarten immer noch als Delikatesse auf dem Teller, wie der Experte berichtet. „Entgegen der Meinung der Wirtschaftstreibenden sinkt die Nachfrage nach diesen Delikatessen nicht, wenn die Preise extrem steigen“, sagt Wildenberg. Gewisse Leute reize es nur noch mehr, wenn sie Unsummen für einen Fisch bezahlen müssen. Dabei gehe es gar nicht mehr um den Geschmack, sondern um die Rarität, so der Nachhaltigkeitsexperte.

Der Umweltschützer rät den Konsumenten, Thunfisch auf jeden Fall bewusster zu konsumieren und den Verzehr gegebenenfalls einzuschränken. „Man muss nicht völlig darauf verzichten, sondern sich klar machen, dass es Auswirkungen hat. Wer Thunfisch isst, sollte ihn bewusst genießen und beim Einkauf darauf achten, dass man nachhaltig einkauft und dafür vielleicht den einen oder anderen Cent mehr ausgibt.“ Alternativen Fischgenuss bieten bio-zertifizierte Aquakulturen und Wildfang aus heimischen Gewässern.

Auf folgende Kennzeichnungen sollte der Konsument beim Thunfisch-Dosen-Kauf achten:

  • Nur die Skipjack-Thunfischart kaufen: Diese Art ist noch nicht so überfischt. Thunfische stehen außerdem am Ende der Nahrungskette – dadurch reichern sich in ihnen im erhöhten Ausmaß Kadmium und Blei an. Die Skipjack-Thunfischart ist jedoch in der Regel weniger belastet als größere Arten, die oft als Steak oder Sushi auf unseren Tellern landen.
  • Nur mit Rute und Haken gefangene Thunfische kaufen: Andere Fangmethoden verursachen massenweise den qualvollen Tod anderer Meerestiere – wie Delfinen, Schildkröten, Meeresvögel oder Haien.
  • Vorsicht bei Delphin-freundlichen Labels: Sie sind meist eine Eigen-Kreationen der Industrie und werden nicht unabhängig kontrolliert.

Die derzeit für Skipjack noch unproblematischen Fanggebiete sind der zentrale und westliche Pazifik, der östliche Pazifik und der Indische Ozean.

Eine Welt ohne Thunfisch

Die Überfischung der Meere ist eine längst bekannte Tatsache – auch Thunfische zählen zu einer der am meisten überfischten Fisch-Familien. Die Zahlen sind erschreckend: 1950 wurden weltweit an die 400.000 Tonnen Thunfisch gefangen, 2012 waren es laut FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) schon fast fünf Millionen Tonnen. Die Menge hat sich mehr als verzwölffacht. Die meisten der neun als Thunfisch gehandelten Arten sind aufgrund von Überfischung schon stark dezimiert – einige, wie der Blauflossen-Thunfisch, sogar fast ausgestorben.

Thunfisch Überfischung Grafik
© Martin Wildenberg / GLOBAL 2000

 

Und was hätte es für Auswirkungen, wenn der Thunfisch irgendwann aus den Meeren nahezu verschwinden würde? „Wenn ganze Arten verschwinden, hat das immer Folgen für das ökologische Gleichgewicht“, sagt Wildenberg. Wie groß die Auswirkungen konkret sind, darüber wisse man noch zu wenig. Der Thunfisch stehe als Raubfisch am Ende der Nahrungspyramide, er sei eine sogenannte Schlüsselart, die Auswirkungen auf alle anderen Arten in seinem Ökosystem habe.

Damit sich an den Missständen etwas ändert, fordern die Experten: Die einzelnen Fabriken, die Vertriebsunternehmen, die deren Waren kaufen und die Organisationen, die Arbeiter vertreten, müssen zusammenarbeiten, um Menschenrechtsverletzungen künftig zu unterbinden. Hier seien auch österreichische Supermarktketten gefragt. Außerdem muss die Lieferkette transparenter und sorgfältiger kontrolliert werden. Nur so können sich Konsumenten für eine Thunfisch-Dose entscheiden, die weder der Natur noch Menschen schadet.

http://www.news.at/a/thunfisch-dosen-soziales-elend

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