Am Strand türmen sich Säcke mit radioaktivem Abfall

Hunderttausende Plastiksäcke mit radioaktivem Müll werden in der Nähe des vor fast vier Jahren havarierten AKW Fukushima gelagert. Wohin der Abfall einmal gebracht werden soll, weiß niemand.

Säckeweise
Foto: REUTERS

Schwarze Plastiksäcke so weit das Auge reicht. Sie stehen auf Reisfeldern, in Gärten, auf Schulhöfen, am Strand. Hunderttausende. Randvoll gefüllt mit radioaktiv verseuchter Erde, Blättern und Baumschnitt. Pausenlos füllen Arbeiter in Schutzanzügen neue Säcke, binden sie zu, stellen sie zu den anderen. Es ist der nahezu aussichtslose Kampf gegen die Radioaktivität rund um das japanische Fukushima.

Ziemlich genau vor vier Jahren, am 11. März 2011, begann für Japan der Albtraum. Ein Seebeben der Stärke 9 vor Honshu löste einen Tsunami aus, der bis zu zehn Kilometer tief ins Landesinnere eindrang und sich in manchen Buchten hochhaushoch auftürmte. 20.000 Menschen starben. Hunderttausende wurden obdachlos.

Die Naturkatastrophe zerstörte auch wichtige Teile des Kernkraftwerks FukushimaDaiichi: In drei Reaktoren soll es zu Kernschmelzen gekommen sein, in zweien zu Explosionen. Die Hülle eines vierten Blocks, in dem ein Brennelementbecken außer Kontrolle geriet, flog in die Luft. Radioaktive Stoffe wurden freigesetzt, weite Gebiete mussten evakuiert werden. Die Aufräumarbeiten werden Jahrzehnte dauern.

Plastiksäcke mit radioaktivem Müll

Seit Jahren wird auf Beschluss der japanischen Regierung dekontaminiert. Um die Strahlendosis zu senken, tragen Arbeitskolonnen täglich in weiten Landstrichen die obersten fünf Zentimeter des Bodens ab, Laub wird entfernt, Gebäude abgeschrubbt und Straßen abgespritzt. So entstehen Berge von schwach strahlendem radioaktivem Müll. Und da niemand weiß, wohin damit, wird er erst einmal in schwarze und blaue Plastiksäcke verpackt und irgendwo abgestellt.

Die Regierung hat seit dem Unglück umgerechnet rund 14 Milliarden Euro bereitgestellt, um in den am Kraftwerk liegenden Städten wie Okuma und Futaba die radioaktive Strahlung zu verringern. Für eine längerfristige Lagerung ist eine Deponie in den verlassenen Städten Okuma und Futaba geplant.

Sie soll mit 16 Quadratkilometern etwa achtmal so groß werden wie der Berliner Tiergarten. Nach 30 Jahren – so das Versprechen der Regierung – soll dann der gesamte Müll aus der Präfektur Fukushima fortgeschafft werden.

Das glaubt aber kaum einer der früheren Bewohner. Sie befürchten, dass die Deponie zu einem Endlager für radioaktive Abfälle wird. Denn das gibt es auch nach 40 Jahren atomarer Stromerzeugung in Japan bis heute nicht. „Ich bin mir sicher, sie betrachten den Platz als Endlager für Atommüll“, sagt der 73-jährige Takashi Sugimoto, ein Grundstücksbesitzer aus Okuma. „Ich kann ihnen nicht trauen, keiner kann das. Wer weiß, was in 30 Jahren sein wird?“

Schutzanzüge sollen die Arbeiter vor der Radioaktivität bewahren. Eine Lösung für den Müll gibt es noch nicht
Foto: REUTERS

Die Tochter ist noch verschollen

Auch Norio Kimura ist fassungslos über die Pläne der Regierung. Er hat bei demTsunami im März 2011 seine Frau, seinen Vater und seine siebenjährige Tochter Yuna verloren. Jetzt könnte er auch noch sein Grundstück verlieren, denn dort soll die Deponie entstehen. „Ich kann es nicht glauben, dass sie hier ihren Müll abladen wollen, nach dem, was wir schon durchgemacht haben“, sagt der 49-Jährige.

Er steht neben verwitterten Brettern auf einem von Sträuchern überwucherten Trümmerhügel. Das ist alles, was der Tsunami von seinem Haus übrig ließ. Dann explodierte auch noch das nur drei Kilometer entfernte Atomkraftwerk und verstrahlte das gesamte Gebiet.

Kimura musste die Suche nach den Leichen seiner Lieben einstellen und wie viele andere die Stadt verlassen. Auch heute darf er das Gebiet nur stundenweise betreten. Monate nach dem Unglück fand er die Leichen seiner Frau und seines Vaters. Yuna ist noch immer verschollen. Von ihr fand er unter den Trümmern bislang nur einige schlammverschmutzte rosa Röcke, ein Paar Leggings und ein Spielzeug.

Milliardenschwere Subventionen

Fukushimas Gouverneur hat nach der Zusage milliardenschwerer Subventionen durch die Regierung in Tokio dem Plan zugestimmt. Auch die Bürgermeister von Futaba und Okuma gaben der Deponie ihren Segen. Für die rund 2300 Bürger, die Grundstücke in den Städten besitzen, gibt es da nicht mehr viele Möglichkeiten. Hat der Staat ausreichend Flächen aufgekauft oder gepachtet, wird die Deponie gebaut, ganz gleich, was die übrigen Eigentümer davon halten.

Kimura weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie auch an seine Tür klopfen. Er hat sich geschworen, nicht auf ihre Angebote einzugehen.

http://www.welt.de/vermischtes/article138221109/Am-Strand-tuermen-sich-Saecke-mit-radioaktivem-Abfall.html

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19 Kommentare

  1. Grausam – und es spiegelt den ganzen Wahnsinn der Atomkraft. Warum müssen AKW-Betreber bis heute nicht – wie sonst meist üblich – für die Schäden ihrer Kraftwerke haften und die Müllentsorgungskosten selbst tragen? Wenn dem so wäre, würde sich Atomkraft einfach nicht mehr lohnen. Ein abgewandeltes Fukushima kann sich doch jederzeit überall auf der Welt wiederholen. Die Menschheit ist wirklich verrückt.

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  2. Die Politiker des Landes haben nichts gelernt/begriffen und wollen es auch garnicht, oder ? Die armen Leute wurden ihrer Heimat beraubt und viele hausen noch Heute in Behelfsunterunterkünften….
    LG
    Sibylle

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  3. Schlimm, sehr schlimm. Hauptsache, die Regierenden sitzen immer in Sicherheit. Leider überall so. 😦
    Der arme Mann, der seine Lieben dann auch noch selber fand, schrecklich.
    (Als ich es eben las, musste ich erst einmal grübeln, ob es tatsächlich schon 4 Jahre her ist, mir kommt es vor wie gestern.)

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    • Du sagst es !! Und es könnte sich jederzeit wiederholen … auch ganz in unserer Nähe … z.b. Dukovany, eine tickende Zeitbombe. Und daß bei uns die Regierungen genauso ticken wie in Japan, wissen wir ja noch von Tschernobyl. Ich will gar nicht wissen was damals alles vertuscht wurde.

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  4. Das alleinige abtragen von nur 5 cm ist zwar besser als nichts, aber leider auch nicht mehr. Regen und vor allem der Wind wird die lockeren radioaktiv verseuchten Schichten immer weiter verbreiten und über bereits dekontaminierte Bereiche erneut überlagern.

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    • Das ganze ist sowieso ein weltweites Problem. In ein paar Jahren ist der radioaktive Mist überall verteilt, allein schon die Unmengen die ins Meer fließen. Und ehrlich gesagt wage ich zu bezweifeln ob andere Länder Importe aus der Gegend von Fukushima immer noch auf Radioaktivität überprüfen … denn in den Medien hört man nichts mehr von der Katastrophe – „offiziell“ ist die Angelegenheit somit erledigt.

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      • Wenn es dich interessiert: Lese meinen Artikel über Palomares in Spanien. Wird dich überraschen! Das ist genau die Antwort auf deine Frage/Vermutung!!!!
        … und vorweg: Du bist mit dieser Vermutung schon nahe dran!
        PS. : Fand deinen Artikel echt toll! Endlich jemand der nicht über Hunde und Katzen schreibt und auch keine fiktionale Thesen aufstellt …

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      • Wahnsinn !! Davon habe ich noch nie was gehört – aber es klingt total plausibel. Gut, daß ich generell nur regionales Gemüse kaufe, wobei sich natürlich die Frage stellt ob wir im Osten Österreichs nicht auch Nachwehen von Tschernobyl in unserem Gemüse wiederfinden.
        Um deine Frage zu beantworten: der Mensch wartet definitiv auf den großen Knall … 20°C im Dezember und alle freuen sich und kaufen weiterhin brav Nespressokapseln und tragen ihre Frustkäufe in Plastiksackerln heim …

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      • Ja, da muss ich dir absolut recht geben! Das Ökodenken hört meist beim Erdöl auf. Erdöl = schlecht; grüne Energie = erneuerbar = gut! Wenn es nur so einfach wäre. Sieht man sich die grüne Energie an, sieht man erst, dass es nicht viel schmutziger als Kohle und Erdöl ist. Wegen Teschernobyl bin ich etwas gespaltener Meinung. Werde demnächst ein Video auf meiner Seite über Namie (ein Vorrort von Fukushima. Bin da mit dem „Auto“ durchgefahren und habe einen Film darüber gemacht! Da sieht man zwar, wie schlimm es dort aussieht, aber auch, dass man nur schwer Vergleiche mit Tschernobyl ziehen kann. Auch im Mühlviertel gibt es eine erhöhte NATÜRLICHE Strahlung, die ebenfalls über den grenzwert liegt und auch nicht ganz so toll ist… Will die Gefahren und die vorhandenen Auswirkungen von Tschernobyl aber keineswegs kleiner reden als sie tatsächlich auch sind…

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      • WOW !! Auf das Video bin ich schon gespannt.
        Ich glaube punkto Vertuschung ähneln sich die beiden Fälle, aber Fukushima hat natürlich ein ganz anderes Ausmaß. Auch die Median funktionieren heutzutage ganz anders als damals.

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      • Ja, absolut. Das Ausmaß der Verschmutzung und der Vertuschung ist im Falle Japans um ein vielfaches höher! Heute klingt es doch unglaublich, dass die Bewohner von Tschernobyl erst tage nach dem Unglück vom wahren Ausmaß erfuhren und evakuiert wurden. Sogar vom tiefsten Amazonasdschungel wissen wir heutzutage mehr!
        Palomares hat den Voretil, dass es zur Zeit des klaten Krieges geschah. Da war das Gefahrenpotential im allgemeinen um einiges Höher und dieser kleine „Vorfall“ nur noch draufgabe…

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      • Da fragt man sich wieder ob die ständige Erreichbarkeit ein Fluch oder ein Segen ist. Unser Haushalt hatte damals noch nicht mal Internet. Das einzige Warnsignal waren die Sirenen. Und heute? Wenn was passiert, kommt im Fernsehen sofort ein Live-Ticker, man kann mit dem Handy Online-Zeitungen aufrufen, dort gibts auch meistens gleich einen Live-Ticker, Facebook schwappt über mit Meldungen …

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      • Ein Ereignis konnte einen damals noch für lange Zeit bewegen. Heute wird man von Ereignissen nur noch überschüttet und kann sich auf ein einzelnes nicht mehr wirklich konzentrieren

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