DAS BETROGENE TAL

Wer annimmt, dass Umweltskandale und deren Vertuschung nur fremde Länder betreffen, irrt. 2014 beschäftigt das Gift HCB Österreich.
© Greenpeace/Mitja Kobal

Ein Umwelt- und Lebensmittelskandal erschüttert Österreich. Greenpeace deckt die Geschichte einer beispiellosen Fehlerkette auf.

Es war eine Routinekontrolle. Eine große österreichische Lebensmittelkette testet ihre Bio-Produkte auf Pestizide. Enthält ein Bio-Lebensmittel bedenkliche Rückstände von chemisch-synthetischen Stoffen, ist das ein Skandal. Deshalb prüfen die Hersteller sehr genau. Die interne Analyse umfasst unzählige Stoffe: solche, die in der konventionellen Landwirtschaft im Einsatz sind – und solche, die so giftig sind, dass sie schon lange verboten wurden. Zu Letzteren gehört Hexachlorbenzol (HCB), früher als Pestizid eingesetzt. Jetzt taucht es plötzlich in Bio-Tortellini auf.

Rauch steigt auf

Es ist März 2014. Aus dem Schornstein einer Zementfabrik im Kärntner Görtschitztal steigt Rauch auf. Er enthält HCB.

Die Lebensmittelkette meldet ihren Fund an den Produzenten der Tortellini: die Firma Karnerta in Klagenfurt. Dort zerlegt man das Produkt in seine Einzelbestandteile und findet das Gift in der Ricotta-Füllung. Den Frischkäse bezieht Karnerta von der Molkerei Sonnenalm.
Im Görtschitztal steigt weiter Rauch auf. Rauch mit HCB-Belastung. Im Görtschitztal produziert die Molkerei Sonnenalm.
Sonnenalm informiert die zuständigen Kärntner Lebensmittel- und Landwirtschaftsbehörden über das Giftproblem in ihren Milchprodukten. Die Behörden beginnen zu recherchieren. Sie denken an Altlasten im Boden, schließlich war HCB früher als Saatgutbeizmittel im Einsatz. Sie verdächtigen verunreinigtes Baumaterial, dann die Emissionen einer Fernheizung. Sogar den Rauch, der aus dem Zementwerk Wietersdorfer & Peggauer aufsteigt, erwägen sie als Verursacher. Sie sehen sich die Emissionswerte an, entdecken nichts Auffälliges. Nur: HCB wurde nie gemessen.

Hochgiftig, krebserregend

Hexachlorbenzol gehört zu den giftigsten Stoffen, die die Menschheit je produziert hat. Es zählt zu dem sogenannten „Dreckigen Dutzend“ – zwölf Chemikalien, die durch das Stockholmer Übereinkommen seit 2001 weltweit verboten sind. Österreich hat das Gift schon 1992 gesetzlich verbannt. Mit gutem Grund: Die Chlorverbindung gilt als krebserregend, sie greift ins Hormonsystem ein und schädigt den Leberstoffwechsel.
Als man sich dieser Gefahren noch nicht bewusst war, kam HCB nicht nur als Pestizid zum Einsatz. Es entstand auch als Abfallprodukt in Chlorfabriken. Eine solche Fabrik ist die Donau Chemie mit werkseigener Abfalldeponie in Brückl am Rande des Kärntner Görtschitztals. Dort lagern seit Jahrzehnten mit HCB gefüllte Giftmüllfässer ebenso wie an sich unbedenkliche Kalkabfälle. Mit der Zeit wurden die Fässer undicht, das giftige HCB vermischte sich mit dem sogenannten Blaukalk.

Bekannte Gefahr

Die Donau Chemie weiß von dieser fatalen Mischung. Auch das Land Kärnten weiß davon. Deshalb geben die Behörden 2004 eine Machbarkeitsstudie zur Verwertung des Deponiematerials in Auftrag. Als Ergebnis erhalten sie 2006 eine klare Empfehlung: Der mit HCB belastete Blaukalk ist geeignet, in einem Zementwerk verwertet zu werden – wenn das Material direkt in die heiße Zone mit 850 bis 1100 Grad eingebracht wird und HCB-Messungen im Rauchgas gemacht werden.

Wie praktisch, im Görtschitztal steht ja eine Zementfabrik, denkt man sich wohl – und 2011 vergibt die Donau Chemie an Wietersdorfer & Peggauer den Auftrag, den belasteten Blaukalk zu verbrennen. Ein lukratives Geschäft für den Zementhersteller, der dafür rund elf Millionen Euro kassieren sollte. An die nur vier Jahre alte Machbarkeitsstudie kann sich anscheinend keiner mehr erinnern. Denn: Es gibt keine behördlichen Auflagen. Keine Mengenbeschränkung. Keine Messungen.

Im Sommer 2012 beginnt Wietersdorfer & Peggauer, den Blaukalk zu verwerten. Im Frühling 2014 taucht HCB in den Bio-Tortellini auf. Im Sommer 2014 rätseln die Kärntner Behörden immer noch, woher das HCB in den Milchprodukten aus dem Görtschitztal bloß kommen könnte. Aus dem Schornstein steigt weiter Rauch auf. Mit HCB belasteter Rauch.

Verdampft statt verbrannt

Die Empfehlung, HCB bei mindestens 850 Grad zu verwerten, hat einen ernsten Hintergrund. Bei hohen Temperaturen verbrennt das Gift, es wird unschädlich. Bei niedrigen verdampft es, steigt mit dem Abgasrauch aus dem Schornstein auf und verteilt sich über die Landschaft. Bei der Zementproduktion wird an einer Stelle Rohmaterial zugegeben, dort hat es 400 Grad. An einer anderen werden Brennstoffe beigemengt, dort hat es rund 1000 Grad. Die Theorie besagt, dass der HCB-belastete Kalk als – beziehungsweise mit dem – Brennstoff zugefügt wird. Doch nach den vielen Jahren auf der Deponie ist der Kalk nass. Wahrscheinlich verstopft er die Anlage. Schnell wird bei Wietersdorfer & Peggauer umdisponiert. Da der Hauptrohstoff in der Zementproduktion Kalk ist, wird der Blaukalk einfach dort beigemischt. Die Temperatur ist zu niedrig. Das HCB verdampft.
Der Niederschlag verteilt das verdampfte HCB über das Görtschitztal. Die Kühe nehmen es über das Gras auf, reichern es in ihrem Fett an und scheiden einen Teil über die Milch wieder aus.

Die Milchprodukte aus dem Görtschitztal sind eine Spezialität. Das Tal ist eine sogenannte Genussregion. Im Gegensatz zu den anderen Kärntner Molkereien füllt Sonnenalm ausschließlich Milch aus dem Görtschitztal ab. Die Bauern sind stolz auf ihr regionales Produkt. Sie ahnen nicht, dass es Gift enthält. Noch weniger ahnen es die vielen Kärntner Kindergärten und Schulen, die den Kindern täglich Sonnenalm-Produkte geben. Die Molkerei hingegen scheint durchaus etwas zu ahnen.
Nachdem Karnerta sie im März 2014 über den HCB-Fund informiert hat, testet die Molkerei Sonnenalm gemeinsam mit den Behörden die Milch ihrer Zulieferer auf das Gift. Bei drei Bauern stellt sie erhöhte Werte fest. Die Molkerei verweigert daraufhin die Annahme dieser Milch, löst damit aber das Problem nur vorübergehend.
Während also die Behörden nach wie vor auf der Suche nach der HCB-Quelle sind, während aus dem Schornstein im Görtschitztal weiterhin HCB-belasteter Rauch aufsteigt, fressen die Kühe der Bauern weiter das Gras des Görtschitztals. Die Milch wird fortwährend ausgeliefert.
HCB ist kein Schadstoff, der den Menschen sofort vergiftet. Seine gefährliche Wirkung entfaltet es, wenn es über längere Zeit konsumiert wird. Selbst Mengen unter dem gesetzlichen Grenzwert können einen großen Effekt haben – wenn sie über einen langen Zeitraum eingenommen werden. Ganz besonders, wenn das eigene Körpergewicht im Vergleich zur konsumierten Menge gering ist. Wie bei Kindern.

Schöngerechnete Giftbelastung

Während die Behörden noch nach dem Verursacher suchen, testet die bereits im März 2014 informierte Österreichische Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) Milchprodukte aus dem Görtschitztal. Sie findet HCB. Doch bei Produkten aus dem Handel ist der Giftgehalt immer unter dem gesetzlichen Grenzwert, wie man später sagen wird. Dabei hilft ein Rechentrick zur Beschönigung von Giftwerten, der – wie es scheint – in Österreich öfter zur Anwendung kommt: Der gesetzliche Grenzwert von HCB in Milch liegt bei 10 Mikrogramm pro Kilogramm (µg/kg), es gibt eine analytische Schwankungsbreite von plus/minus 50 Prozent. Das bedeutet, bei einem Messwert von 15 µg/kg ist die Belastung mit der größten Wahrscheinlichkeit tatsächlich 15 µg/kg. Mit kleinstmöglicher Wahrscheinlichkeit liegt sie bei 7,5 µg/kg. Für die Lebensmittelgutachter bedeutet das: Die Probe liegt unter dem Grenzwert. Dass mit gleicher Wahrscheinlichkeit auch eine Belastung von 22,5 µg/kg möglich ist, also eine deutliche Grenzwertüberschreitung, ignoriert die Behörde.
Im Oktober tauchen schließlich vermehrt Rohmilchproben auf, bei der auch jegliches „Herunterrechnen“ nicht mehr hilft. Langsam kann niemand mehr die Augen verschließen. Hier gibt es ein echtes Giftproblem.

Giftfreier Rauch, HCB-haltiges Tierfutter

Am 18. Oktober 2014, endlich, testet ein technisches Büro das Rauchgas des Zementwerks Wietersdorfer & Peggauer auf HCB. Das Ergebnis trifft am 6. November ein: acht Mikrogramm HCB pro Normkubikmeter Abgas. Ein Wert, 8000-mal höher als bei der spezialisierten Müllverbrennungsanlage in Wien. Am 7. November stoppt das Zementwerk die Verwendung des Blaukalks. „Eine freiwillige, vom Land verordnete Maßnahme“, hört man später im Tal die Leute sagen.
Wer denkt, dass an dieser Stelle die Zeit der Vertuschung, der Desinformation der Bevölkerung, des unfassbaren Skandals endet, irrt gewaltig.
Der Rauch enthält kein HCB mehr. Vermutlich erstmals seit dem Sommer 2013. Aber das Gras, das Heu, die Kühe, alles ist belastet. Die Molkerei Sonnenalm produziert weiter. Liefert an Schulen und Kindergärten. Die Bevölkerung weiß weiterhin nicht, dass sie Gift konsumiert.
Am 26. November geht der Agrarlandesrat Christian Benger erstmals mit den brisanten Informationen rund um das HCB in der Görtschitztaler Milch an die Öffentlichkeit. Nicht abgestimmt mit den restlichen Landesregierungsmitgliedern.

Greenpeace in Aktion

Im Greenpeace-Büro löst die Nachricht sofort intensives Recherchieren aus. „Rapid Response“ nennen Umweltaktivisten dieses Vorgehen, schnelle Reaktion. Chemiker Herwig Schuster und Landwirtschaftsexpertin Huem Otero decken mit einer Altlastenbeschreibung des Umweltbundesamts aus dem Jahr 2003 auf, dass Wietersdorfer & Peggauer entgegen ihrer Behauptung sehr wohl wissen mussten, dass sie HCB verwerten. Pressesprecherin Christine Gebeneter, eine Kärntnerin, organisiert einen großen Testkauf der lokalen Milchprodukte. Die Behörden beschwichtigen währenddessen die alarmierte Bevölkerung: Es seien keine mit HCB belasteten Milchprodukte in den Handel geraten.

Greenpeace übergibt am 29. November, also drei Tage nach Öffentlichwerden des Giftskandals, gekaufte Lebensmittel an zwei unabhängige Labore. Während die Kärntner Landesregierung den Vorfall noch kleinredet, treffen eine Woche später die ersten Ergebnisse ein. Eine Milchprobe ist mit 21 µg/kg belastet. Das Doppelte des erlaubten Grenzwertes. Selbst mit der Methode der AGES sind diese Werte nicht schönzurechnen.

„An diesem Punkt hat die Politik ein echtes Problem bekommen“, erzählt Herwig Schuster. „Die haben offensichtlich nicht gedacht, dass die lokale Molkerei so unvernünftig sein würde, weiter ungetestete Milch auszuliefern.“ Nachdem Greenpeace die Testergebnisse veröffentlicht, gibt das Land Kärnten plötzlich eine Warnung für Produkte aus dem Görtschitztal aus. Die Molkerei Sonnenalm stoppt die Produktion. Niemand weiß, wie lange die HCB-belasteten Produkte ohne den Greenpeace-Einsatz weiter ausgeliefert worden wären. Schließlich ist das gesamte im Sommer 2014 geerntete Heu betroffen.

Unabhängig von Konzernen und Regierung

Greenpeace ist seit Dezember 2014 im Görtschitztal omnipräsent. Mit neuen Testergebnissen und Informationsveranstaltungen. Im direkten Gespräch mit der besorgten Bevölkerung – und mit den Bauern und Bäuerinnen, die nicht nur um ihre Gesundheit, sondern auch um ihre wirtschaftliche Existenz bangen.

„Die Menschen im Görtschitztal vertrauen weder den Behörden noch dem Zementwerk noch der Molkerei. Aber sie wissen, dass Greenpeace unabhängig ist. Dass wir kein Geld von Konzernen oder Regierungen annehmen, sondern nur im Sinne der Menschen und der Umwelt arbeiten“, sagt Schuster. Der Chemieexperte arbeitet seit 17 Jahren bei Greenpeace, zu einem großen Teil auch in Osteuropa. Ein Skandal wie dieser ist ihm noch nie untergekommen: „Es ist eine Katastrophe in so vielen Bereichen: ein hochgefährliches Umweltgift, die Belastung von Lebensmitteln des täglichen Gebrauchs, die hohe Anzahl der betroffenen Menschen. Ein Skandal solcher Dimensionen war in Österreich nicht zu erwarten.“

Greenpeace kämpft mit ganzem Einsatz dafür, den Skandal lückenlos aufzuklären. Immer wieder decken wir neue Dokumente auf, die beweisen, wie viele Menschen von dem HCB wussten und schon viel früher hätten eingreifen können. „Jetzt arbeiten wir auf unterschiedlichen Ebenen“, sagt Schuster, „unmittelbar geht es um eine ökologisch vertretbare Lösung für die Deponie. Langfristig setzen wir uns mit voller Kraft für eine Verbesserung der Lebensmittelkontrolle in Österreich ein.“
Unser Ziel ist, dass systematischer nach Umweltgiften gesucht wird. Das Umweltbundesamt und die AGES müssen Lebensmittelkontrolle und Umweltmonitoring zusammenlegen. Die Gesetzgebung muss die Abfallverbrennung in Österreich strenger und spezifischer regeln. Es braucht Grenzwerte, die ernst genommen werden. „Zudem setzt sich Greenpeace für einen besseren Zugang zu Informationen ein. Wäre das Amtsgeheimnis in Österreich nicht so streng und gäbe es klarere Veröffentlichungsregeln, hätte die Bevölkerung schon viel früher von der Gefahr erfahren. Die jahrelange Emission des Gifts hätte früher gestoppt werden können“, zeigt Schuster wichtige Lehren aus dem Skandal auf.

Im Görtschitztal laufen gerade die freiwilligen Bluttests der Bevölkerung. „Aus den Ergebnissen wird man eine gewisse Risikokartierung ableiten können, um dann gegebenenfalls entsprechende Vorsorgeprogramme zu starten“, sagt Schuster. Es ist zu hoffen, dass die gesundheitlichen Folgen für die Bevölkerung durch die beispiellose Fehlerkette von Politik, Behörden, Chemiewerk, Zementfabrik und Molkerei gering sind. Der Anblick des aufsteigenden Rauchs im Görtschitztal wird aber bei vielen Menschen noch lange Unbehagen auslösen.

http://www.greenpeace.org/austria/de/act-das-magazin/act-04141/oel-im-eis/

 

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