Die Lüge: Wie gefährlich Fukushima noch immer ist

von Johannes Hano
http://www.heute.de/zdf-dokumentation-die-fukushima-luege-johannes-hano-ueber-die-atom-kraftwerk-katastrophe-32109408.html

Die Lage in Fukushima ist noch immer nicht unter Kontrolle – drei Jahre nachdem die vier Reaktorgebäude explodierten. Das zeigen wochenlange ZDF-Recherchen vor Ort. Die Gefahren für Mensch und Umwelt sind gewaltig, der japanische Ex-Premier spricht von einer „Verschwörung der Atomlobby“.

Drei Jahre sind vergangen, seitdem in Fukushima vier Reaktorgebäude explodierten. Im vergangenen September, bei der Vergabezeremonie für die Olympischen Spiele 2020 versicherte der Japanische Premierminister der Welt: „Die Lage in Fukushima ist unter Kontrolle“. Doch angesichts der Lage in den Katastrophenreaktoren man muss schon eine sehr merkwürdige Definition von „Kontrolle“ haben, um zu einem solchen Schluss zu gelangen.

Radioaktivität von etwa 10.000 Hiroshimabomben lagert in Reaktorblock 4

Denn immer wieder kommt es zu schweren Zwischenfällen. Gerade erst fiel das Kühlsystem in Reaktorblock 4 aus, drohte das Abklingbecken dort zu überhitzen, weil ein Stromkabel gerissen war; vergangene Woche leckten hundert Tonnen hoch radioaktiv verseuchtes Wasser aus einem der Auffangtanks, 230 Millionen Becquerel pro Liter wurden gemessen – unter anderem der sogenannte „Knochenkiller“ Strontium. Zum Vergleich: Als gesundheitlich unbedenklich gelten 100 Becquerel.

Johannes Hano
ZDF-Ostasienkorrespondent Johannes Hano
Quelle: Johannes Hano

Und es war nicht das erste Mal, dass aus einem der Tanks hunderttausende Liter radioaktiv verseuchtes Wasser unkontrolliert ausflossen. Hinzukommen jeden Tag mehr als 200.000 Liter verseuchtes Grundwasser, das in den Pazifischen Ozean strömt. Die Dimension solcher Zwischenfälle wird deutlich, wenn man sich bewusst macht, dass alleine im Abklingbecken von Reaktorblock 4 noch die Radioaktivität von etwa 10.000 Hiroshimabomben lagert, ganz zu schweigen von den geschmolzenen Reaktorkernen der Blöcke 1, 2 und 3 von denen niemand so genau weiß, wo sie sich derzeit befinden. Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis sie geborgen werden können – so man sie denn findet und sie sich nicht langsam durch den meterdicken Beton fressen und so in die Umwelt gelangen.

Die größte Gefahr: die Brennelemente im Abklingbecken des Reaktorblock 4

Ganz akut aber sind es zwei Probleme, die ein enormes Gefahrenpotential in sich bergen. Die mit Abstand größte Gefahr für die Umwelt geht nach wie vor von den gebrauchten und neuen Brennelementen aus, die sich noch im Abklingbecken des Reaktorblock 4 befinden. Mehr als 1.500 Brennelemente in einem offenen Becken, in einem durch Erdbeben, Tsunami und Explosionen schwer beschädigten Gebäude! Zwar ist man jetzt dabei, die Brennelemente nach und nach herauszuholen und zu sichern, aber der Prozess wird wohl noch Jahre dauern, denn das Gebäude ist beschädigt, im Abklingbecken selbst liegt seit den Explosionen wohl jede Menge Schrott, der das Bergen erschwert. Hinzukommt, dass einzelne Brennelemente beschädigt sein könnten.

Das bedeutet, dass noch über Jahre die Gefahr besteht, dass ein neues schweres Erdbeben, mit dem man in Japan jederzeit rechnet, das Reaktorgebäude zum Einsturz bringen könnte – mit fatalen Folgen. Sollte das Gebäude inklusive Abklingbecken einstürzen, würde das wohl das Ende aller Versuche bedeuten, die Katastrophe einzudämmen. Denn würden die Brennelemente nicht mehr gekühlt und frei liegen, wäre die Strahlung, die von ihnen ausgeht, so hoch, dass jeder der sich nähert, sofort sterben würde.

Das Arbeiten auf dem Gelände wäre unmöglich, was bedeuten könnte, dass auch das provisorische Kühlsystem für die Reaktoren 1, 2 und 3 nicht mehr aufrechterhalten werden könnte. Die Folgen wären verheerend. Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, würde extrem hohe Radioaktivität in die Atmosphäre freigesetzt, Regen und Stürme würden dazu noch die radioaktiven Teilchen in den Pazifischen Ozean befördern.

400 Millionen Liter verseuchtes Grundwasser lagern auf dem Gelände

Und dann ist da noch das Grundwasserproblem. Rund tausend Tonnen strömen Tag für Tag aus den Bergen Richtung Atomkraftwerk. Weil die Gebäude durch das Erdbeben schwer beschädigt sind, fließen täglich hunderte Tonnen durch Risse im Beton ein und verseuchen sich dort. Tepco, die umstrittene Betreibergesellschaft, pumpt jeden Tag 400 Tonnen aus und lagert sie in Tanks auf dem Gelände. Etwa 400 Millionen Liter extrem hoch kontaminiertes Wasser stehen mittlerweile auf dem Gelände – und jeden Tag werden es mehr.

Alle Versuche, das Wasser zu dekontaminieren, haben bislang nicht wirklich funktioniert und immer wieder lecken Tanks. Aber auch hier geht die größte Gefahr von einem neuen, schweren Erdbeben aus. Sollten die Tanks zerstört werden, würde auch das zu einer extremen Kontaminierung der Umwelt führen, mit kaum absehbaren Folgen.

ZDF-Recherchen zeigen: Tepco war der Schutzwall zu teuer

Das Problem war von Anfang an bekannt und schon drei Monate nach Ausbruch der Katastrophe stand der Plan, im Erdreich rund um das Atomkraftwerk einen Schutzwall aus Ton zu bauen, um das Grundwasser daran zu hindern, in die zerstörte Atomanlage zu strömen. Der Plan aber wurde verworfen, weil er Tepco zu teuer war, wie unsere Recherchen ergeben haben.

 

Johannes Hano in Futaba
Johannes Hano unterwegs in Futaba
Quelle: ZDF, Toby Marshall

 

Der finanziell angeschlagene Energieriese wollte seinen Aktionären und Investoren keine neuen Kosten aufbürden. Zweieinhalb Jahre und Millionen Liter verseuchtes Grundwasser später wurde dann im vergangenen Herbst beschlossen, einen Schutzwall aus Eis zu bauen. Der Haken an der Sache, wie selbst das zuständige Ministerium (METI) uns gegenüber einräumt: Es ist noch keineswegs klar, ob diese Technologie, die in dieser Größenordnung noch nie eingesetzt wurde, unter den vorgefundenen Bedingungen überhaupt funktioniert.

Warum ein Eiswall gebaut wird

Japans ehemaliger oberster Katastrophenbekämpfer, Sumio Mabuchi, der den Tonwall geplant hatte, hat eine so schlichte wie einleuchtende Erklärung dafür, warum sich die neue Regierung und Tepco jetzt für diesen Plan entschieden haben: Nur für technologisch aufwendige, noch nicht erprobte Technologien dürfe die Regierung Geld geben – deswegen würde der komplizierte Eiswall gebaut.

Und so wird man den Eindruck nicht los, als ginge es vor allem darum, die Kosten für die Verantwortlichen der Katastrophe unter Kontrolle zu halten. Die Katastrophe selbst aber geht weiter – und das wohl noch für eine lange Zeit.

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